Der polyglotte Minitrupp

Es ist schon immer wieder interessant, wie sich die Zeiten ändern bzw. wer was auf wen argumentativ anwenden darf, ohne in Verdacht zu geraten.

Wir wissen ja alle mittlerweile, dass der Begriff Avantgarde obsolet ist, vor allem das damit verbundene Militärische wird gerne dazu ins argumentative Feld geführt. Daher staunt man schon, wenn in einer Vorstellungsveranstaltung von Zeitschriften ihre Macher als “polyglotte Minitrupps” gekennzeichnet werden.

Ihre Macher sind hochvernetzte Einzelgänger oder polyglotte Minitrupps.

Kiosk – Zeitschriften bitte! – Literaturhaus Frankfurt.

Damit kommt der ansonsten argumentativ verpönte militärische Komplex quasi durch die betriebliche Hintertür wieder rein. Zeitschriften wie Bella Triste oder Sinn und Form dürfen das schon mal sein:

kleine, meist in Bewegung befindliche Gruppe von Soldaten oder anderen zusammengehörigen Personen, die gemeinsam ein Vorhaben ausführen

Quelle: duden.de

Und in der weiteren Vorstellung der Bella Triste wird man dann schon handfester: Sie würden gewisse “extremistische Ästhetiken” (Minute 15:00) verfolgen (Bella Triste – Wir wollen Literatur wieder promoten). Das würde vor allem auf die Jubiläumsausgabe Nummer 30 zutreffen, die im Schachtelformat ein Sammelsurium – ein Readymade – darstellt.

Irgendwie schon traurig, dass heute ein ganz normales Unikat-Dingens als extremistisch gilt. Man darf sich wahrlich nur noch wundern …

Jenseits des argumentativen Festen

Stuckrad & Ulmen sind so bemüht, nur keine argumentative Festheit zu erzeugen, denn wer will schon manifest werden und sich festlegen lassen – oder so ein i-tüpfelreitender in einer Endlospapier-schleife verhangener Avantgardist sein:

Und dann wird durch die Konstellation „Politiker trifft auf Stuckrad und gibt ungewöhnliche Antworten auf ungewöhnliche Fragen“ schon automatisch etwas abfallen, das einen beiläufigen Blick auf Politikrealität wirft, ohne dass wir erst mal ein Manifest formulieren müssen.

TAZ – 9.2. 2012

Das wenig elegante Kommentieren …

Schon interessant, was die TAZ in einer Schmalest-Rezension so dann doch noch für sich rausholt zu Walter Benjamin:

13. Man muss die Kunst nicht zu ernst nehmen.” Letzteres ist vielleicht der eleganteste Kommentar zu Benjamins Thesen. taz

Quelle: TAZ

Die Frage, die man sich hier stellen muss, ist: Warum man sich a. elegant aus der Benjamin-Affäre zu ziehen gedenkt und b. das auch noch im Vielleicht bemühen muss. Klingt schon auch immens bemüht schlüpfrig so ein Satz.

Köln: Was von Calderóns Text übrig blieb …

Ich gehe bald nicht mehr ins Theater in Köln. Heute in der Pause gegangen aus Das Leben ist ein Traum (Was sonst). Ich kenne zwar Pedro Calderón de la Barca nicht gut, aber das wird sich ändern. Nicht mal eine Aufführung wie die heute kann einen guten Text derart kaputt inszenieren. Und wie immer die Kritiken derart hymnisch, dass man bald – ähnlich wie im Feuilleton – annehmen muss, auch die Theaterkritik ist am Ende.

Mit seinem Bühnenbildner Franz Koppendorfer hat Jürgen Kruse eine Szenerie entworfen, deren explodierender Überfülle die Wahrnehmung an dem sehr langen Abend nicht vollständig Herr werden kann.

Quelle: Kölner Stadtanzeiger, 20.06.10

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Still Dialing Alice nun auch bei Amazon zu kaufen …

Buchcover Still dialing AliceHat ja ne ziemliche Weile gedauert, da bei Kleinverlagen immer: Mein Buch “Still Dialing Alice” kann man nun auch bei Amazon kaufen.

Jetzt denke ich weiter darüber nach, ob es überhaupt noch Raum gibt für die Rezension von experimentellen Texten? Wen vertraut man sich da nur an … Fragen sind das.

Scrum: Was ist das?

Die Verwertungslogik funktioniert nicht mehr nach Befehl und Gehorsam. Sie braucht den »ganzen Menschen«. Den bekommt sie aber nicht, denn Selbstentfaltung von »je mir« und Befolgen der »fremden« Verwertungsanforderungen sind nicht zusammen zu bringen. Allerdings lässt sich zumindest teilweise eine größere Nähe herstellen. Dazu dienen solch »subjektivistische« Methoden wie Scrum. Unter gegebenen Handlungsbedingungen mehr individuellen und kollektiven Spielraum zu haben, ist ja auch schon was. Und wer schlau ist, erkennt die Hinweise auf die freie Entfaltung, die in Scrum sichtbar werden. Die brauchen dann allerdings auch eine Freie Gesellschaft, um zur Geltung kommen zu können.

Quelle: Scrum — Software-Toyotismus?

Das händische Übertragen der Archive ….

Das händische Übertragen von Archiven kann einem auch den Nerv ziehen. WordPress ist zwar eine gute Wahl, aber wenn es etwas ältere Versionen sind, die in die aktuelle Version importiert werden sollen, kann es schon kleinhäkelig werden.

Mein Archiv auf serner.de wollte ich schlicht in das dadasophische überführen. Leider war die WordPress-Instanz schon etwas in die Jahre gekommen und weigerte sich, den Titel der Beiträge auch zu importieren. Nach 2 Tagen Arbeit hat es nun geklappt.

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Wie lässig Pistazien sammeln … schon wieder eine Lyrikrezension

Das Feuilleton mittlerweile mit den dafür notwendigen Scheuklappen zu lesen, geht. Aber Lyrikrezensionen lösen bei mir immer gleich eine waghalsige Scheu aus, überhaupt den ersten Absatz anzustarren. Und schon ist es wieder passiert:

«Frenetische Stille» heisst sein jüngster Gedichtband, und natürlich denkt man bei diesem Titel sofort an den «Rasenden Stillstand» von Paul Virilio.

Quelle: Virtuose Aufbrüche (NZZ, 19.06.10)

Wieder ein Buzzlesteinchen, das meiner Argumentation in der letzten perspektive Kolumne recht gibt, dass das Feuilleton nicht mehr recht weiss, was es liest – und einen Virilio, wenn überhaupt je gelesen, nicht verstanden hat:

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Der Nostalgiebus Bachmann beginnt wieder zu rollen …

Den Nostalgiebus habe ich natürlich nicht selbst aus der Wundertüte geholt, sondern aus dem Rahmenprogramm des diesjährigen Bachmannpreises geklaut. Überhaupt liest sie ja so ein literaturbetrieblicher Grossauftrag immer wie eine Kalauerbombe, die man als Leserin einfach hochgehen lassen muss.

Mit einem Nostalgie-Bus werden – startend am Neuen Platz – jene Orte in Klagenfurt aufgesucht, die einen direkten Bezug zu Ingeborg Bachmann haben.

Renate Aichholzer (staatlich geprüfte Fremdenführerin) erzählt während dieser Literaturreise aus dem Leben der Klagenfurter Schriftstellerin.

Quelle: Nostalgiebus”Bachmann erfahren”

Ich frage mich ja immer weniger schamhaft, wer solche Pressetexte schreibt oder schreiben muss? Ist es österreichisch, immer alles Sanktionsträchtige in Klammern hinter die Person zu formulieren? Mir bleibt dann immer nur das umzuformulieren, was als informativer Zusatz noch im Kleingedruckten steht: Bei Schönwetter offene Flucht …

Wie Ironie auch gerne in Verwirrung führt

Das Feuillton zu lesen, kann Vorteile haben. Mitunter kann man dem Feuilletonisten zusehen, wie ihn sein Thema überfordert. Roman Bucheli in der NZZ versucht zwar das Thema Frauenliteratur für sich und für andere (?) zu retten, verstrickt sich aber komplett zwischen ironischer Gegenwartsbeschreibung und vergangener potentieller Verve:

Mehr noch als das Thema des Podiumsgesprächs erstaunt jedoch der Umstand, dass tatsächlich nur Frauen aufs Podium zur Diskussion geladen sind. So wäre die Frauenliteratur selbst in historischer Rückschau nur eine Sache der Frauen, von und für Frauen? Sie wäre damit noch nicht einmal im Archiv angekommen, sondern da, wo sie nie hingehörte: im Abseits. Was vierzig Jahre Literaturgeschichte zum Glück nicht vermochten, schafft diese Programmkommission mit einem (gutgemeinten?) Federstrich.

Quelle: Von Frauen für Frauen, NZZ 27.04.10

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